2011 wurde Peter Kisters zum Professor für Maschinenbau an die Hochschule RheinWaal berufen. Er ist in Uedem aufgewachsen, wo er mit seiner Familie heute noch lebt. Im Interview erklärt der Hochschullehrer, wie sich Bildung in Zeiten der Digitalisierung verändern wird.

Herr Professor Kisters, was heißt eigentlich „Digitale Bildung“?
Prof. Dr. Peter Kisters: Darunter versteht man das Lernen mit Hilfe digitaler Medien. Also zum Beispiel die Nutzung von Lernplattformen im Internet.

Wie muss man sich das vorstellen?
Kisters: Es gibt ja viele Formen der Wissensweitergabe. Man kann ein Buch lesen oder eine Vorlesung besuchen. Lernplattformen im Internet vermitteln den Lernstoff hingegen online, ohne dass man zwingend an einem bestimmten Ort sein muss.

Wozu soll das gut sein?
Kisters: Digitales Lernen hat zwei zentrale Vorteile: Erstens erlaubt es
Schülern und Studenten, in ihrem individuellen Lerntempo zu lernen. Jeder kann Zeitpunkt, Ort und Dauer des Lernens selbst bestimmen. Und zweitens verschafft es in den Schulen Zeit für die wichtigen Dinge.

Was meinen Sie damit – hat man heute für wichtige Dinge zu wenig Zeit?
Kisters: Ja, denn die Vermittlung von Lernstoff ist im Grunde nur die erste Stufe des Lernens. Danach kommt das Üben, Anwenden, Beherrschen des Stoffs. Diese Vertiefung ist wichtig, denn erst mit dem Üben und Vertiefen beginnt man, die Dinge wirklich zu verstehen. Dazu kommen wir aber heute gar nicht mehr, weil wir viel zu viel Zeit aufwenden für die Vermittlung von Basiswissen, das sich die Studenten auch aus dem Internet besorgen könnten. Uns fehlt am Ende die Zeit, auf individuelle Fragen einzugehen und mit den Studenten zu üben.

Wie werden sich denn dann Ihre Vorlesungen verändern?
Kisters: Meine Vorlesungen bekommen einen ganz anderen Charakter. Wir werden kaum noch Frontalunterricht machen, weil der Lernstoff online bereitgestellt wird. Stattdessen werden wir viel mehr auf die Fragen der Studenten eingehen können. In der Schule wird das auch so sein.

Was wird sich im Schulalltag noch ändern?
Kisters: Auch in der Schule brauchen wir heute viel zu viel Zeit zum Beispiel für die Kontrolle von Hausaufgaben. Dabei könnte man die Hausaufgaben ganz einfach online erledigen – und die Kontrolle auch.
Wie würde das in der Praxis funktionieren? Kisters: Der Lehrer stellt die Hausaufgaben online. Der Schüler löst die Aufgaben dann zu Hause am PC und bekommt automatisch eine Auswertung, ob er alles richtig gemacht hat oder nicht. Damit würde die Hausaufgabenkontrolle in der Schule entfallen, so dass man im Unterricht auf die individuellen Fragen der Schüler viel besser eingehen könnte.

Also ist Digitales Lernen im Grunde eine Frage von Zeit?
Kisters: Exakt, genau darum geht es. Die wertvolle Zeit, die Lehrer und Schüler im Unterricht miteinander verbringen, sollten sie für die wichtigen Dinge nutzen: fürs Vertiefen und für Hilfestellungen, nicht fürs Abhaken von Hausaufgaben.

Wann wird das alles kommen und was brauchen wir dafür?
Kisters: Das kommt nicht erst, das ist schon da. Ich selbst bin gerade dabei, ein interaktives Skript zu schreiben für eine neue Vorlesung, bei der der Lehrstoff online im Internet bereitgestellt wird. Die Studenten kommen heute mit ihren
Laptops zur Vorlesung, weil sie dann immer sofort auf ihre Lerndaten im Netz zugreifen können. Was wir dazu brauchen, sind gute Internet-Verbindungen.

Ein letzter Punkt: Wie halten Sie es als Familienvater mit der Bildung?
Kisters: Ich rate meinen Kindern immer, dass sie sich beim Lernen mehrere Perspektiven holen sollen. Also nicht nur das, was im Buch steht oder was der Lehrer sagt, sondern auch vielleicht mal ein Video, das ein Schüler dazu gedreht hat. Interessanterweise hilft das sehr beim Verstehen.

Haben Sie ein konkretes Beispiel?
Kisters: Ja, habe ich. Wir haben letztens mit meiner Tochter wochenlang darüber diskutiert, wie man das Zimmer aufräumt. Neulich kam sie zu mir, nachdem sie im Internet ein Video gesehen hatte. Darin hatte ein anderes Kind ein Super-Kinderzimmer-Aufräum-System präsentiert. Seitdem ist bei uns im Kinderzimmer echt alles propper.

Herr Professor Kisters, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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Zur Person

  • Prof. Dr.-Ing. Peter Kisters
  • 46 Jahre, aufgewachsen und wohnhaft in Uedem
  • Vater von zwei Kindern 
  • Studium Maschinenbau in Bochum
  • Seit 2011 Professor für Maschinenbau an der Hochschule Rhein-Waal
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Kleines Wörterbuch zum Lernen der Zukunft

  • Digitales Lernen und E-Learning
    Oberbegriffe für die unterschiedlichen Formen des Lernens, bei denen digitale Medien eingesetzt werden.
  • Virtuelles Klassenzimmer
    Beim virtuellen Klassenzimmer dient das Internet als Kommunikationsmedium, um geographisch getrennte Schüler und Lehrer zu verbinden.
  • Mobiles Lernen
    Schüler und Studierende können Lerninhalte zu Hause runterladen, bearbeiten und wieder hochladen.
  • Blended Learning
    Kombination aus digitalem Lernen und Präsenzunterricht.
  • Learning Analytics
    Auswertung von Lernerfolgen mit Hilfe digitaler Analysen.
  • Lernmanagementsysteme (LMS)
    Lernplattform, die die technische Infrastruktur für E-Learning bereitstellt. Meistens eine Software auf einem Server, die die digitale Nutzung von Lerninhalten erlaubt.